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Björn Gustafsson Von der Bewegungsanalyse zum Laufschuh 2.0 – 4. Experteninterview

Im 4. Experteninterview “Von der Bewegungsanalyse zum Laufschuh 2.0″ bezieht Björn Gustafsson einer der führenden Bewegungsanalytiker in Deutschland Stellung zu aktuellen Themen wie Einlagenversorgung im Laufsport, Bewegungsanalyse und aktuelle Entwicklungen rund um das Thema Natural Running Schuhe (Laufschuhe 2.0).


Steckbrief Björn Gustafsson

Björn Gustafsson beim Zieleinlauf  (c) Björn GustafssonBjörn Gustafsson wurde am 23.03.1969 in Neumünster geboren. Er ist Experte auf dem Gebiet der Bewegungsanalyse. Nach seiner Profikarriere als Triathlet, die er mit dem Juniorenweltmeistertitel kürte, studierte er Sportwissenschaften. Mit dem Wissen aus über 2000 Bewegungsanalysen leitet er die currex AKADEMIE und führt seit einem Jahrzehnt Fortbildungen zur Bewegungsanalyse durch.

Gustafsson ist Co-Autor der „Laufbibel” und publiziert sein Wissen regelmäßig in Fachmagazinen wie z. B. der Zeitschrift RUNNING oder Medizin & Technik. Einige Artikel  von Björn Gustafsson zum Thema Einlagen und Laufschuhe könnt ihr euch hier als pdf kostenlos herunterladen. Mit der Firma currex entwickelte Gustafsson ein Expertensystem zur biomechanischen Analyse und Laufschuhauswahl – das currex MOTIONQUEST® System. Für namenhafte weltweite Sportartikler entwickelt er Analyse und Verkaufssysteme; für die Orthopädie(schuh)technik Konzepte zur Gang- und Laufanalyse und daraus resultierenden Versorgungen.

Darüber hinaus ist Björn Gustafsson Mitglied in folgenden Organisationen: Deutschen Gesellschaft für Biomechanik, ISB Footwear Biomechnics Group, GAMMA – Gesellschaft für Analyse Menschlicher Motorik in klinischer Anwendung.

 

Auch seine sportlichen (Triathlon) Erfolge können sich durchaus sehen lassen:

1986 Deutscher Jugendmeister
1989 Weltmeister Junioren
1989 Europäischer Junioren Vizemeister
1989 8.Platz Ironman Europe
1990 Deutscher Vizemeister
1990 Deutscher Mannschaftsmeister
1991 Deutscher Mannschaftsmeister
1989 -1991 Nationalmannschaft und B-Kader

Leider zwang ihn eine heftige Verletzung am Schienbein zur Aufgabe seiner noch jungen Karriere. Mehr zu seiner sportlichen Geschichte findet ihr im Artikel des Triathlon Magazins “Was macht eigentlich Björn Gustafsson?”.


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Interview

Bedeutung der Beratung

Laufschuhkauf.de: Wird das Thema Laufschuhe bzw. Laufschuhversorgung überbewertet?
Björn Gustafsson: Ja und Nein. Sicherlich wurde es in der Vergangenheit aus einem etwas falschen Blickwinkel heraus betrachtet. Generell muss man feststellen, dass die Industrie in den letzten 20 Jahren sicherlich etwas am Ziel vorbeigeschossen ist. Soll heißen, die Schuhe wurden immer technischer ohne sich aber an der reinen Biomechanik zu orientieren. Alles lief nur noch auf Dämpfung und Stabilität hinaus, die Schuhe waren aber einfach zu hoch – und dadurch instabil – und zu steif im Vorfuß. Um die derzeitige Entwicklung auf den Punkt zu bringen: Weniger ist mehr. Allerdings sind noch nicht alle Läufer körperlich bereit für diesen neuen Trend.

 

Laufschuhkauf.de: Wie schätzt du die Beratungsqualität im deutschen Sport- und Laufschuhhandel ein?
Björn Gustafsson: Die könnte durchaus besser sein. Ich beobachte die Beratungsqualität im Laufschuhfachhandel jetzt schon seit rund 15 Jahren eher kritisch. In dieser Zeit hat sich da so gut wie nichts geändert. Der Fachhändler setzt immer noch auf eine Videokamera, die er auf den Fuß ausrichtet während der Läufer vorzugsweise auf einem federnden Schleiflaufband läuft. Das ist kritisch, da ich als Läufer auf solchen Bändern keine normale Bewegung zeigen kann und auch die reine Betrachtung des Fußes als Information zum Laufstil bei weitem nicht ausreicht. Vielmehr ist es von immenser Bedeutung das Knie, das gesamte Bein und die Hüfte in der Dynamik zu erfassen und zu bewerten. Hier reichen meist der Ausbildungsstand des Personals und die technischen Möglichkeiten der Anlage nicht aus. Die normale Laufbandanalyse im Fachhandel dient also fast nur als reines Marketingtool, da es auch dem Paradigma “Calcaneus neutral” folgt – also das das Fersenbein immer bodenvertikal zu stehen hat. Dieser Denkansatz ist nicht wissenschaftlich bewiesen und die daraus resultierenden Produkte haben in den letzten 25 Jahren zu keiner Verbesserung der Verletzungsrate im Laufsport geführt. In der Zusammenfassung kann ich also folgendes sagen: Die medizinische Laufbandanalyse in einem Lauflabor ist derzeit das non plus ultra in der Beratung, wenn der Kunde professionell untersucht wird. Der Fachhandel hat Nachholbedarf, da mir die Analysen zu ergebnislos sind, das heißt der Läufer erhält keine weiterführende Betreuung, die Ihm helfen die muskuläre Situation zu verbessern. Intelligentere Systeme wie z. B. unser MOTIONQUEST System, werden hier in Verbindung mit Druckmessung des Fußes weiter Einzug halten.

 

Lauf- und Bewegungsanalyse

professionelle Bewegungsanalyse  (c) currexLaufschuhkauf.de: Worauf kommt es bei einer Laufanalyse vor allem an? Woran erkennt ein Laie eine gute Beratung?
Björn Gustafsson: Bei einer Laufbandanalyse kommt es vor allem darauf an, dass ich sicher, natürlich und komfortabel auf dem Laufband laufen kann. Die meisten Laufbänder lassen dies aber nicht zu, da sie zu klein sind und bei der Belastung stark einfedern. Außerdem reicht es nicht nur mit der Kamera von hinten auf den Fuß zu schauen. Das wäre eine Fußanalyse aber keine Laufanalyse. Es ist also ein Qualitätszeichen, wenn der Berater mich bittet, eine Badehose anzuziehen und auf meiner Haut Striche anbringt. Dann noch eine persönliche Anamnese und ich bin schon mal in guten Händen.

Eine Liste solcher qualifizierter Analytiker gibt es hier.

 

 

Laufschuhkauf.de: Wann empfiehlst du eine professionelle Bewegungsanalyse?
Björn Gustafsson: Immer. Das ist wie der TÜV fürs Auto. Lieber einmal in eine gute Analyse investiert, als später monatelang an einer Verletzung herum zu laborieren, die man hätte vorher erkennen können.

 

Laufschuhkauf.de: Was sind die entscheidenden Punkte bei einer “guten” Bewegungsanalyse?
Björn Gustafsson: Eine fachmännische Anamnese, die Badehose oder der Bikini, das Markieren der Haut um eventuelle Fehlstellung zu erkennen, das professionelle Lamellen-Laufband auf dem ich natürlich laufen kann, die gute Beleuchtung (es muss so richtig hell sein), eine umfassende und markenunabhängige Beratung und ein Sportwissenschaftler, Physiotherapeut oder Orthopädietechniker der die Analyse durchführt. Ziemlich klare Richtlinien, oder?

 

Einsatz orthopädischer Einlagen

Einlagenversorgung  (c) currexLaufschuhkauf.de: Wie stehst du zum Thema orthopädische Einlagen? Sind orthopädische Einlagen deiner Meinung nach „Krücken für die Füße“ oder „eine sinnvolle Hilfe“?
Björn Gustafsson: Es kommt immer auf die Einlagen an. Grundsätzlich gilt der Leitsatz „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Einlagen sind ein toller Zusatz um den Komfort im Schuh zu erhöhen und einen Kraftschluss zwischen dem „runden“ Fuß und dem flachen Schuhboden zu bekommen. Dabei darf aber nicht versucht werden, den Fuß zu stark zu unterstützen. Dies quetscht Muskeln ein und führt zu nicht erwünschten Ausweichbewegungen bzw. auch zu Blasen. Vielmehr muss die Einlage ein „Fußschmeichler“ sein. Ich muss sie gerne tragen und sie darf nicht stören. Dann erfüllt sie ihre Wirkung. Viele Einlagen sind heute aber leider noch zu voluminös und zu fest im Bereich der Gewölbestützen – da müssen neue, dynamische Konzepte her!

 

Laufschuhkauf.de: Was sollte beim Einsatz von orthopädischen Einlagen in Laufschuhen beachtet werden?
Björn Gustafsson: Wenn Sie drückt – raus damit. Mein Körper kann das schon ganz gut selbst entscheiden. Der Satz: „Da musst Du dich erst dran gewöhnen“ hat ausgedient. Das belegen auch aktuelle wissenschaftliche Studien. Der Komfort hat oberste Priorität und ist das wichtigste Kriterium. Dann darf die Einlagen nicht schwerer als 42 g. sein und sie sollte auf keinen Fall eine reine Dämpfungseinlage sein – die gibt es ja noch immer im Handel zu kaufen. Unglaublich!

 

Laufschuhentwicklung und Natural Running Schuhe

Dämpfungsmessung bei Laufschuhen im Labor  (c) currexLaufschuhkauf.de: Marketinggag oder wirklicher Nutzen – Welche Systeme im Laufschuh beurteilst du als unverzichtbar? Welche sind entbehrlich oder sogar besser nicht im Schuh?
Björn Gustafsson: Nutzen: Eine Dämpfung, die mir das Gefühl von Rasenboden gibt, also eher fester als weich. Dann noch die Sohle, damit sich Steine nicht in die Fußsohle drücken und der Schaft, damit der Schuh hält.

Unsinnig: Ketzerisch gesprochen und nach neuestem Wissensstand (2012) gesprochen: der ganze Rest.

 

Laufschuhkauf.de: Wie siehst du die aktuelle Entwicklung im Laufschuhmarkt? Werden sich die Natural Running Schuhe/Fußtrainer durchsetzen?
Björn Gustafsson: Ja. Aber es wird noch dauern, da die derzeitigen Strukturen und Verkaufsmuster seit 25 Jahren für den Handel gelernt sind. Dort findet die Regel: Dämpfen – Stützen – Führen Anwendung, die so schnell nicht aus dem Handel herauszudenken ist. Ausserdem müssen die Hersteller auch alle ihre Sortimente auf Schuhe mit niedriger Sprengung umstellen.

 

Laufschuhkauf.de: Was macht einen “guten” Natural Running Schuh aus? Welches sind die entscheidenden Merkmale?
Björn Gustafsson: Eine niedrige Sprengung – das ist die Überhöhung der Ferse zum Vorfuß -, die unter 7mm liegt, eine dünne Sohle mit ausreichend Flexibilität und ein hoch flexibler Vorfuß, damit die Muskeln der Fußsohle im Abdruck gut arbeiten können.

 

Sprengungsmessung bei Laufschuhen  (c) currexLaufschuhkauf.de: Welches ist dein aktueller Lieblingslaufschuh und warum?
Björn Gustafsson: Oh, da gibt es einige. Im Augenblick laufe ich den Saucony Kinvara mit unserer currex Sole Runpro Med gerne und nach wie vor den Nike Free 3.0 V3.

Früher war das alles ganz anders, da bin ich als Überpronierer in stabilen Schuhen durch die Gegend gehumpelt. Jetzt macht mir Laufen sogar richtig Spaß und ich genieße die Freiheit, die mir die neuen Schuhkonzepte am Fuß bieten.

 

Laufschuhkauf.de: Ein wichtiger Punkt bei den Natural Running Schuhen betrifft die Sprengung. In einem deiner letzten Artikel für die Zeitschrift Medizin & Technik Laufschuhe 2.0 hast du auch die Sprengung der Schuhe nach gemessen. Dabei kommen teilweise andere als von den Herstellern angegebene Werte heraus. Wodurch kommt das?
Björn Gustafsson: Da musst Du die Hersteller fragen, nicht mich. Wir messen unter realistischen Bedingungen auf den Millimeter genau. Leider erhalten wir natürlich nur Samples, da wir unsere Datenbank ja schon zur Auslieferung der Serienmodelle fertig haben müssen. Das kann den Unterschied ausmachen.

 

Laufschuhkauf.de: Gibt es deiner Meinung nach ein Maß an Sprengung das da sein sollte?
Björn Gustafsson: Nein. Der Fuß hat auch keine Sprengung. Jeder Millimeter ist eine Beleidigung an die Evolution. Die Realität ist da allerdings ein bisschen diffiziler. Wir können nicht von heute (12-15 mm) auf morgen (0 mm) die laufende Hausfrau umstellen. Hier bedarf es einer fein dosierten Anpassung. Aber auf jeden Fall sollte kein Schuh mehr als 8 mm Sprengung aufweisen. Ich selbst empfinde 4 mm als ganz akzeptabel.

 

Laufschuhkauf.de: Welches ist das deiner Meinung nach beste Konzept im Bereich der Natural Running Schuhe/Fußtrainer, das momentan am Markt angeboten wird?
Björn Gustafsson: Die Kleinen nutzen die neue Nische. Brooks und Saucony gehören lobend erwähnt und setzten die Pace. New Balance kommt mit dem Minimus nach. Mizuno wird zum Frühjahr 2013 neue Modelle vorstellen. Nike liefert mit dem Free 3.0 die Mutter der Minimalschuhe. Innov8 setzt die Pace im Trail-Bereich. Adidas kommt jetzt wohl auch mit einem neuen Minimalkonzept – genaue Infos liegen mir aber noch nicht vor.

Schnitt durch den Asics Exel 33

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Bauhöhe: 31:21 mm, Sprengung: 10 mm, Dämpfung / Rückfederung der Schuhsohle im Rückfuß: 113,2 / 15,2, Dämpfung / Rückfederung der Schuhsohle im Vorfuß: 65,4 / 15,3 Björn Gustafsson: Mit 10 mm Sprengung und einer relativ konventionellen Bauweise geht Asics kein Risiko aber auch kein Wagnis ein. Natural Running ist hier sicherlich nicht drin. Da hätte ich mir mehr Innovationskraft gewünscht.

 

Laufschuhkauf.de: Wie schätzt du die Radikalkonzepte von Herstellern wie Vivo Barefoot, Merell, Five Fingers und Co. ein?
Björn Gustafsson: Daran ist zu sehen, dass dieses Konzept überleben wird. Aus den USA werden in Zukunft noch mehr Marken auf den Markt drängen, die sich zu diesem neuen Weg des Laufens bekennen. Five Fingers ist schon etabliert und wird vor allem im Trail und Bergsport Bereich eingesetzt. Merell ist ja eher als Mode Brand bekannt und springt auch auf diesen Zug.

 

Laufschuhkauf.de: Wie können Läufer vom Einsatz von Natural Running Schuhen profitieren?
Björn Gustafsson: Das ist wie mit Autoreifen: Dicke Ballonreifen sollen die Dämpfung übernehmen, haben sich aber nicht durchgesetzt, denn jetzt hat jedes Auto Niederquerschnittsreifen und dafür eine bessere Federung als früher. Ähnlich ist es mit den neuen Schuhen: Sie haben alle weniger Dämpfung und sind flacher. Dafür muss jetzt der Körper die Dämpfung übernehmen. Wofür er auch gebaut ist – nur man muss eben seine Art der Bewegung darauf einstellen.

 

Laufschuhkauf.de: Gibt es Personengruppen die besser nicht mit Natural Running Schuhen laufen sollten?
Björn Gustafsson: Eigentlich nicht. Es bedarf aber einer Umstellung, die ich gewollt herbeiführen muss. Hierbei ist aber Umsicht gefragt. Es kann schon gerne mal ein Jahr dauern, bis der Läufer sich umgestellt hat. Dafür wird man aber mit viel mehr Lauffreude belohnt.

 

Laufschuhkauf.de: Wie gut passen orthopädische Einlage und Natural Running Schuh zusammen? Schließt sich das nicht aus?
Björn Gustafsson: Überhaupt nicht! Nur ist es eben wichtig, dass die Einlage ebenso wie der Schuh dynamisch ist. Die Einlage kann als perfekter Partner beim Umstieg auf die neuen Schuhe gesehen werden. Allerdings: Finger weg von harten und uneleastischen Einlagen mit hohen und steifen Stützen.

 

Laufschuhkauf.de: Wie sollte der Umstieg auf Natural Running Schuhe gestaltet werden?
Björn Gustafsson: Sanft. Hier gilt: Gift ist Dosis. Wer zu viel am Anfang will kann sich leicht vergiften, also Schmerzen bekommen. Im Idealfall beginnt der Läufer erst mal mit dem neuen Schuh als Zweitschuh. Und ich kann es jetzt schon garantieren: Nach einem Jahr will man seine „alten“ und „konventionellen“ Schuhe mit hoher Absatzsprengung nicht mehr an den Füßen haben!

 

Laufschuhkauf.de: Wie wird die Entwicklung weitergehen? Wie sehen die Trainingsschuhe in 2 – 3 Jahren aus?
Björn Gustafsson: Ganz anders. Flacher, dynamischer und vor allem spaßvoller. Endlich haben wir nicht mehr solche Plastikbomber an den Füßen sondern haben erkannt, das weniger mehr ist.

 

Laufschuhkauf.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Björn Gustafsson: Ich danke


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