08.06.2005 - Stiftung Warentest Laufschuhtest - Ergebnisse unterirdisch?

Kommentar


Zumindest für den ein oder anderen Laufschuhhersteller ist das Ergebnis des Laufschuhtests der Stiftung Warentest vernichtend. So schneiden nicht nur die Modelle der "Billiganbieter" Reno und Deichmann schlecht ab, sondern auch die Markenhersteller Reebok und New Balance belegen mit ihren getesteten Modellen hintere Plätze. Doch macht es Sinn Laufschuhe wie Kindersitze, Digitalkameras oder Klimageräte zu testen? Wie ist die Aussagekraft dieses Tests einzuschätzen.

Im Einleitungstext bzw. im den Test begleitenden Text werden ausführlich die einzelnen Bewertungskategorien und die Vorgehensweise beim Testen vorgestellt. Dabei wird auch jeweils auf die Testsieger bei den einzelnen Punkten eingegangen. Das große Manko des Tests ist, dass es einen Testsieger und eine Reihenfolge der Laufschuhe in der Bewertung gibt. Der Nike Air Zoom Elite ist der beste Laufschuh - Das ist das Ergebnis des Tests. Die Frage ist nur für wen er der beste Laufschuh ist. Für alle Läufer oder doch nur für die 70 - 90 kg schweren Freizeit-Testläufer? Die Antwort auf diese Frage bleibt der Test schuldig. Dadurch verleitet der Test sicherlich den ein oder anderen Laufschuhlaien dazu ähnlich wie bei Staubsaugern, Digitalkameras usw. nach dem Testergebnis seine Schuhe auszuwählen. An keiner Stelle erfolgt ein Hinweis darauf, dass Laufschuhe in Kategorien eingeteilt werden und diese Kategorien eine grobe vor allem aber sinnvolle Orientierung für die Auswahl vorgeben.

Auf zwei Seiten sind die Testberichte der 16 Laufschuhe zu finden. Alle Modelle werden mit Foto, dem Preis, dem Schuhgewicht und einer Bewertung in den Kriterien Biomechanik, orthopädische Beurteilung, Laufpraxis und Haltbarkeit vorgestellt.

Die Modellverteilung im Laufschuhtest ist der Zielgruppe der weniger wettkampf-/leistungsorientierten Läufer angepasst. Im Test finden sich keine Wettkampfschuhe und mit dem Nike Air Zoom Elite sowie dem Saucony Grid Swerve lediglich zwei Lightweighttrainer. Neben drei Stabilschuhen werden zehn Neutrallaufschuhe und ein Trailschuh im Test vorgestellt. Fraglich ist allerdings, ob die Modellverteilung die tatsächliche Bedarfsstruktur der Läufer widerspiegelt. Der größere Anteil der Läufer gehört nicht zur Gruppe der Neutralfußläufer und benötigt demnach andere als die vorgestellten Schuhe. In diesem Punkt geht der Test an der Zielgruppe vorbei.

Die Herstellerverteilung der getesteten Modelle ist bei der niedrigen Anzahl an Modellen in Ordnung. 16 (Laufschuh-)Modelle von elf verschiedenen Herstellern sind im Test zu finden.  Fraglich ist nur ob Hersteller wie Reebok oder Saucony nicht überrepräsentiert und Brooks und New Balance nicht unterrepräsentiert sind. Neben zwei Modellen von Adidas (Adistar Cushion, Response Cushion), zwei von Asics (Gel Kayano XI, Gel 1100, einem von Brooks (Glycerin), einem von Deichmann (Victory), einem von Fila (Flow Sanctuary), einem von New Balance (1023), zwei von Nike (Air Zoom Elite, Air Perseus), einem von Puma (Complete Phasis II), zwei von Reebok (Premier Ultra II, Premier Cushioning), einem von Reno (Tec One) sind zwei Modelle von Saucony (Grid Swerve, Grid Aura TR 6) im Test zu finden. Für die Zielgruppe wäre es sicherlich besser gewesen auf bekanntere Modelle als die teilweise vorgestellten "Exoten" zu setzen. Selbst bei den Markenherstellern wurden teilweise relativ unbekannte Modelle getestet und die "Renner" gar nicht im Test aufgeführt. Immerhin wurden, passend für die Zielgruppe, auch Modelle von Reno und Deichmann getestet. Ein auch auf dieser Seite immer mal wieder angefragtes Thema. Die Modellzahl hätte durchaus größer sein können.

Wie vom ersten Test vor zwei Jahren gewohnt sind Empfehlungen der Schuhe für die einzelnen Zielgruppen nur ansatzweise vorhanden. Es werden nur teilweise Einschränkungen bezüglich des Körpergewichts, des Abrollverhaltens oder des Einsatzbereichs gemacht. Die Stützfunktion wird zum entscheidenden Kriterium hochstilisiert. Das dieses Kriterium für einen Neutralfußläufer weniger interessant ist, findet keine Berücksichtigung. So ist der Neutrallaufschuh Brooks Glycerin auch nicht dazu gedacht eine deutliche Überpronation zu stützen und erhält wenig überraschend bei diesem Punkt lediglich eine "Drei". "Bei wem der Knöchel stärker nach innen abknickt (Überpronation), der braucht deshalb stützende Schuhe, die dem Fuß Halt geben. Besonders gut dabei im Test: die Adidas-Modelle und der Nike Air Perseus." Bei den getesteten Adidas Modellen handelt es sich um die Neutrallaufschuhe Response und Adistar Cushion. Sicherlich sind diese Schuhe für Neutrallaufschuhe stabil, aber eine deutliche Überpronation stützen auch diese Schuhe nicht, weshalb sie für diese Zielgruppe nicht bestens geeignet sind. Im Test wird trotz allem das Modell Adidas Adistar Cushion als "am besten stützender Schuh für Überpronierer" beschrieben. Leider wird auch nicht danach differenziert wie gut es der jeweilige Schuh schafft die Pronationsgeschwindigkeit zu reduzieren, sondern lediglich das übergeordnete Kriterium Stützfunktion angeführt. Eine Reduktion der Pronationsgeschwindigkeit wäre ein Kriterium, dass für alle Schuhe erstrebenswert ist während die mediale Stabilität des Schuhs doch sehr stark mit der Laufschuhkategorie zusammenhängt.

Leider werden nur sehr dürftige Informationen darüber gegeben, welche Kriterien bei der Auswahl der Laufschuhe tatsächlich eine Rolle spielen sollten. Auf den Fußtyp, die Beinachse, die Ganglinie, den Laufstil, usw. wird gar nicht eingegangen. Lediglich zwei Möglichkeiten des Abrollens (Überpronation und Supination) werden kurz angerissen. Dafür erfährt der Leser, wessen Sohle nach 2000 Laufkilometern im Dauerbiegetest bricht. Äußerst fraglich ist nur, ob Laufschuhe wirklich so lange gelaufen werden sollten (allgemeine Empfehlungen: 800 - 1200 km) und dieses Kriterium dann überhaupt noch eine (so große) Rolle spielen sollte. Zudem bleibt ebenfalls kritisch zu hinterfragen, ob die Abnutzung im Einzelfall mit solchen Tests wirklich "nachgestellt" werden kann. Das Abrollverhalten des menschlichen Fußes besitzt nicht die Kontinuität einer Maschine. Ähnlich kritisch ist der Abriebtest des Fersenfutters zu sehen. Ist doch gerade dieser Punkt sehr individuell durch den Fuß-/Fersenaufbau bestimmt.

Eine Klasseneinteilung der Laufschuhe findet nicht statt. Alle Schuhe werden auf die gleichen Testkriterien geprüft, unabhängig von der Laufschuhkategorie, der sie angehören. In diesem Punkt werden Äpfel mit Birnen verglichen. Ein Asics Gel Kayano hat eine komplett andere Zielgruppe als ein Brooks Glycerin und ist deshalb z. B. im Punkt Stützfunktion (Pronationskontrolle) mit diesem sinnvoller Weise auch nicht zu vergleichen. Die Produktbeschreibungen sind sehr kurz, nur eingeschränkt informativ, dafür aber noch einigermaßen aussagekräftig. Immerhin kann der Stiftung Warentest nicht vorgeworfen werden, dass sie die Hersteller (bzw. einige) verschont. Die Reebok-Modelle bspw. werden schonungslos beschrieben: "Relativ schwerer Schuh. Stützt Fuß am schlechtesten, deshalb für Überpronierer ungeeignet." So lautet der Kurzkommentar zum Modell Premier Ultra. Allerdings richtet sich auch das Modell Premier Ultra nicht unbedingt an Überpronierer. Tiefergehende Informationen zum Praxistest auf der 8,5 km langen Teststrecke werden leider nicht gegeben, wären aber sicherlich interessant gewesen.

Der Text "So läuft es am besten" gehört zwar zu den besseren Inhalten, bietet aber auch weiteres Verbesserungspotential für die Zukunft. So werden in diesem Text Tipps zum Laufschuhkauf mit Tipps zum Laufeinstieg vermischt. Interessanter wäre es für den Leser an dieser Stelle Tipps an die Hand zu bekommen, wie, wo, warum er am besten seine Laufschuhe kauft. Wie er eine gute von einer schlechten Beratung unterscheidet usw.

Der Text "Wie viel Dämpfung ist genug" fasst kurz und knapp ein viel diskutiertes Thema zusammen. Denn in Fachkreisen wird schon länger darüber gestritten, ob nicht ein Zuviel an Dämpfung ebenfalls schädlich ist.

Fazit: Wie auch schon beim ersten Mal ist der Laufschuhtest der Stiftung Warentest ein Test der eher Verwirrung als Aufklärung schafft. Die Schwächen vom ersten Test wurden größtenteils beibehalten. Den ultimativen Laufschuh und den ultimativen Laufschuhtest gibt es nicht. Demnach ist auch der Test der Stiftung Warentest nur ein Test unter vielen und sicherlich auch nicht der Test, der in Deutschland Maßstäbe setzt. Unter Umständen kann er dem versierten Leser als Ergänzung zu anderen Tests dienen. Der Laie wird dazu verleitet den Testsieger zu kaufen. Leider bekommt die Zielgruppe des Tests keinen Leitfaden für den Einkauf des wichtigsten Ausrüstungsgegenstandes an die Hand. Der Test ist als Einkaufshilfe daher nur sehr eingeschränkt geeignet.
 

Kurzbewertung Stiftung Warentest Laufschuhtest

Allgemein
Layout OOO
Übersichtlichkeit OOOO
Einleitungs-/Begleittext OOO
Laufschuhtest
Herstellerverteilung OOO
Modellverteilung OOO
Klasseneinteilung der Laufschuhe O
Zielgruppen-Empfehlung OO
Produktbeschreibung OO
Modellkritik OOO
Text So läuft es am besten OOO
Text Wie viel Dämpfung ist genug? OOOOO
Der Test ist als Einkaufshilfe ... ... sehr eingeschränkt geeignet.


Legende

O = mangelhaft, OO = ausreichend, OOO = befriedigend, OOOO = gut, OOOOO = sehr gut
 


Stiftung Warentest Titel 06.2005

In der aktuellen Ausgabe
(06/2005) stellt Stiftung Warentest
16 Laufschuhe vor.

 



Den Laufschuhtest der Stiftung Warentest können Sie unter www.test.de einsehen.

Hier geht es direkt zum Test.

 



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