Dr. Matthias Marquardt Natural Running und Entwicklungen im Laufschuhmarkt – 7. Experteninterview

Im 7. Experteninterview „Natural Running und Entwicklungen im Laufschuhmarkt“ spricht Dr. Matthias Marquardt über seine beruflichen Pläne, sein Engagement bei Asics, Veränderungen und Entwicklungen im Laufschuhmarkt, Beratungsqualität im deutschen Laufschuhhandel, Natural Running Schuhkonzepte und wer davon profitieren kann.


Steckbrief Dr. Matthias Marquardt

Dr. Matthias Marquardt (c) Björn HänsslerDr. Matthias Marquardt wurde am 28.01.1977 in Soltau geboren, ist verheiratet und hat eine Tochter. Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Laufsport, Laufverletzungen und der richtigen Laufschuhversorgung. Seit Jahren ist er in seinem Institut Natural-Running.com als Ausbilder für Laufschuhberater, Lauftrainer, Bewegungsanalysten und Leistungsdiagnostiker tätig. In Hannover hat der Arzt in der Inneren Medizin eine eigene Praxis für Bewegungsanalyse und Leistungsdiagnostik. Sein umfangreiches Wissen hat er in der Vergangenheit auch an die Handelskette Runners Point und den Schuhhersteller Ecco weitergegeben. Momentan vertraut der Einkaufsverband Intersport sowie der Marktführer im deutschen Laufschuhmarkt Asics auf die Beratung von Dr. Matthias Marquardt. Nach Veröffentlichung seines bekanntesten Buches, „Die Laufbibel“, folgte 2012 das Natural Running Logo (c) Dr. Matthias Marquardterste medizinische Lehrbuch zur Bewegungsanalyse  „Laufen und Laufanalyse“ im Thieme-Verlag.

Ausschließlich Laufen war noch nie sein Ding da sich immer wieder Probleme einstellten. So widmet er sich in seiner Freizeit dem Triathlon und erreichte auf der Mitteldistanz (2 – 86 – 20) eine Bestzeit von 4:17 Std. Mit lediglich 38 Laufkilometern pro Woche im Schnitt schaffte er in einer zwölfwöchigen Vorbereitung aus dem Triathlontraining heraus eine Marathonbestzeit von 2:51 Std.

Neben seinen intensiven beruflichen Tätigkeiten trainiert er trotzdem täglich. Und das sehr abwechslungsreich: Schwimmen im Mittellandkanal, 3 x Lauftraining pro Woche (gerne auch zur Praxis), Radtraining sowie Kraft- und Athletiktraining.


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Interview

Dr. Matthias Marquardt persönlich

Laufschuhkauf.de: Bei den Tests der Zeitschrift Triathlon wird von unseren Lesern deine spitze Feder vermisst. Wird es hier ein Comeback geben?

Dr. Matthias Marquardt: Ich habe die spitze Feder beim mir freundschaftlich verbundenen triathlon-Magazin aus formalen Gründen abgegeben, nachdem ich einen Beratervertrag bei Asics unterschrieben habe. Dies war für mich eine schwierige Entscheidung. Schließlich hatte ich den Test vor Jahren aus der Taufe gehoben und einige Akzente setzen können. So waren wir die ersten, die regelmäßig die Fersensprengung der Schuhe gemessen haben. Auch haben wir als erste ein Natural Running Segment eingerichtet, auch wenn es damals noch sehr übersichtlich war. Wir hatten also früh die richtige Richtung eingeschlagen.

Zur Frage nach dem möglichen Comeback: Ich plane mit spomedis ein neues Format, so dass ihr vielleicht ab 2013 oder 2014 wieder ein paar knackige Marquardt-Kommentare lesen könnt …

Laufschuhkauf.de: Da freuen wir uns schon drauf. Aber aktuell bist du auch für Marktführer Asics tätig. Leidet darunter nicht deine Unabhängigkeit?

Dr. Matthias Marquardt: Asics ist eine Firma, die Ihre Schuhe schon immer im Dialog mit Sportlern und Experten entwickelt hat und der ein ehrliches Feedback sehr wichtig ist. Daher muss ich mich nicht verbiegen, sondern kann klar meine Meinung äußern. Beide Partner profitieren hier von der langjährigen Erfahrung des anderen in seinem jeweiligen Bereich. Asics weiß zudem, dass ich in meinen ärztlichen Therapieempfehlungen völlige Freiheit brauche. Aber natürlich kann man mir durch die Kooperation mit Asics stets Parteinahme unterstellen. Deshalb habe ich den Triathlon Laufschuhtest wie vorher erwähnt auch abgegeben. Aber es gibt gute Gründe für mein Engagement bei Asics. Denn immer nur zu meckern macht auf Dauer auch nicht glücklich. Ich möchte ja Dinge gestalten und verändern. Die Entwicklungsarbeit eines marktführenden Unternehmens kennen zu lernen und Einfluss auf künftige Neuentwicklungen nehmen zu können sind mir dabei besonders wichtig. Ich habe daher in den letzten 2 Jahren noch einmal eine steile Lernkurve im Bereich Laufschuhkonstruktion gehabt. Einfach weil ich gezwungen war, die Dinge auch einmal aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Cover "instinkt formel" (c) Dr. Matthias MarquardtLaufschuhkauf.de: An welchen Projekten arbeitest du momentan? Wird 2013 ein neues Buch erscheinen?

Dr. Matthias Marquardt: Aktuell runden wir unsere Fortbildungen für Trainer und Therapeuten ab. Zum „Running Professional“ fehlt nach zwei Trainerfortbildungen (Fitness und Technik) sowie der Bewegungsanalysefortbildung nur noch der Leistungsdiagnostiker. Der startet 2013.

Ein weiteres aktuelles Arbeitsthema ist work-life-Balance. Es ist für mich das Thema in diesen schnellen und bewegten Zeiten. Es gibt dort seit 2012 ein neues Buch von mir: Instinkt Formel. Wenn hier jemand Stress haben sollte, das Buch hilft!

Ja, und dann habe ich lange überlegt, was es im Laufbuchbereich noch nicht gibt, und was man wirklich braucht. Kürzlich ist es mir eingefallen. Nur soviel sei verraten: Es wird auf jeden Fall ein dickes Buch und eine WWW-Version geben …

Marktentwicklung – Gibt es einen Natural Running Trend?

Laufschuhkauf.de: 2003 haben wir zum Thema „richtiger“ Laufstil und Laufschuhbau schon einmal ein Interview geführt. Was sind deiner Meinung nach die zentralen Veränderungen im Markt?

Dr. Matthias Marquardt: In den letzten 10 Jahren hat es massive Veränderungen im Laufschuhmarkt gegeben: Anfangs wurde nur die Dominanz der Stabilschuhe gebrochen. Der Marktanteil von Stabilschuhen sank von 80-90% in den 1990er Jahren auf mittlerweile unter 50 % Prozent. Das kam ja schon einem großen Sinneswandel gleich, wurde doch endlich die Pronationsbewegung nicht länger als Krankheit fehlgedeutet.

Aber die Änderungen der letzten 5 Jahre kommen wirklich einem Erdrutsch gleich. Selbst in einem riesigen Handelsverbund wie der Intersport macht der Anteil der Natural Running Schuhe mittlerweile 25 % Prozent am Laufschuhumsatz aus. Die natürliche Bewegung findet also wieder mehr Beachtung, was auch durch immer mehr Schuhe mit flacherer Sohle, also einer Reduktion der Fersensprengung, zum Ausdruck kommt.

Laufschuhkauf.de: Inzwischen sind die meisten Hersteller den Forderungen, die auch vehement von deiner Seite kamen, nach flacheren, flexibleren Modellen nachgekommen. Wie sind diesbezüglich deine Erfahrungen: Ist das aus Überzeugung passiert oder eher aus marketing- und absatztechnischer Notwendigkeit im Zuge des Erfolgs von Nike Free?

Dr. Matthias Marquardt: Zugegeben: Ich habe den Schuherstellern manches Mal unterstellt alle Produktneuheiten als bloße Marketingaktion zu lancieren. Die Auseinandersetzung mit Entwicklungsteams hat mir aber gezeigt, dass es dort motivierte Menschen gibt, die neue Lösungen suchen. Dabei gibt es sicher auch Trends in Forschung und Entwicklung, wie früher die Dämpfung oder Pronationskontrolle. Und heute beschäftigen sich die Entwickler eben länderübergreifend mit dem Natural Running Thema. Aber Trends sind ja nichts Schlechtes, denn Unternehmen können immer nur dann erfolgreich sein, wenn sie die Bedürfnisse der Kunden und somit auch Trends treffen. Die Überzeugung, das richtige Produkt zu machen und der Wunsch wirtschaftlich erfolgreich zu sein, können also auch durchaus zusammen auftreten. Ich glaube dies ist aktuell der Fall.

Laufschuhkauf.de: Haben wir tatsächlich einen Natural Running Trend oder wird das Thema, wie Trail-Running vor ein paar Jahren, nur stark von der Laufschuhindustrie gepusht?

Dr. Matthias Marquardt: Für die „core-runner“, also die Experten und Cracks ist „natural“ sicherlich ein Trend. Im Massenmarkt wird die Nachfrage sicherlich durch die Industrie beeinflusst, weil wohl die meisten Freizeitläufer, die „einfach mal joggen gehen“, gar nicht wissen, was „natural running“ ist.

Laufschuhkauf.de: Werden sich die Natural Running Schuhe / Fußtrainer langfristig als eigene Kategorie etablieren so wie es in den USA scheint?

Dr. Matthias Marquardt: Ich glaube, dass das Thema Natural Running den Markt dauerhaft prägen wird. Eventuell nicht mehr in der momentanen Intensität, aber eben doch als dauerhafte, zusätzliche Option für den aktiven Läufer.

Laufschuhkauf.de: Die Entwicklung im Laufschuhmarkt nimmt aktuell extrem Fahrt auf. Wie wird die Entwicklung weitergehen? Wie sehen die Trainingsschuhe in 2 – 3 Jahren aus?

Dr. Matthias Marquardt: Ich würde sagen, die Veränderungsgeschwindigkeit hat rasant zugenommen. Die Schuhe sind flacher, leichter, flexibler, ohne Stützen. Aber war das wirkliche Innovation? Für mich war die wichtigste Innovation die Maximierung der Flexkerben, um die Zehengrundgelenke und somit die Fußmuskeln wieder zum Teil der Bewegungskette zu machen. Ansonsten sehe ich nur eine mitunter überdenkenswerte Minimalisierung der Schuhe.

Laufschuhkauf.de: Was meinst du mit überdenkenswerter Minimalisierung? Ähnlich wie bei Dämpfung und Stütze in der Vergangenheit ein Zuviel des Guten?

Dr. Matthias Marquardt: Ja, der Markt drängt bei neuen Trends immer zu neuen Extremen. Erst konnte es nicht genug Dämpfung sein, dann nicht genug Stütze und jetzt sprechen mich Läufer auf Vorträgen an und wollen wissen, ob sie den Stadtmarathon nicht besser in five-fingers laufen sollen. Das verkraften aber die wenigsten, und es ist wahrscheinlich auch für die allerwenigsten sinnvoll. Aber zugegebenermaßen: Auch ich habe einige Jahre gebraucht um Maß und Mitte zu finden. Mit einem flachen Lighttrainer, so meine Einschätzung, läuft der ambitionierte Läufer unter dem Strich am besten.

Laufschuhkauf.de: Wenn du dir von den Laufschuhherstellern etwas wünschen dürftest, was wäre das?

Dr. Matthias Marquardt: Kurz und knapp: Schuhe für Supinierer. Das würde aber voraussetzen, dass der Kunde im Massenmarkt den Sinn erkennt und dass der Handel diese Fehlstellung sicher erkennt. Und das hält in der Schuhindustrie offenbar auch 2012 noch keiner für wirklich möglich.

Laufschuhkauf.de: U. a. im Interview mit uns im Jahr 2003 hattest du auch das Thema Beratungsqualität im deutschen Laufschuhhandel massiv kritisiert. Wie siehst du das Thema inzwischen? Gibt es hier deiner Meinung nach spürbare Verbesserungen?

Dr. Matthias Marquardt in der Diskussion (c) Dr. Matthias MarquardtDr. Matthias Marquardt: Um das Kind beim Namen zu nennen. Ich hatte vor etwa 10 Jahren einen Artikel in der „Running“ veröffentlicht, indem ich die Beratungspraxis von Sprunggelenksvideoaufnahmen, also die gemeine „Videoanalyse“ beim Schuhkauf, kritisierte. Das gab damals heftigste Reaktionen. Aber nach dem Gewitter entstand ein fruchtbarer Dialog mit großen Handelsketten wie Runners Point oder der Intersport. Runners Point hat damals seine Schulungsprogramme erweitert und weist, sowie ich in den Schulungen bei der Intersport, stets auf die Notwendigkeit der Beinachsenanalyse hin, denn die Beinachse ist für die Schuhberatung wichtiger als der Fuß (Die „Knie sticht Fuß“-Regel!). Es hat sich also viel getan, was man auch daran sieht, dass das neu entwickelte Schuhberatungs-Tool bei der Intersport („Schuhcoach“) auf mein Drängen immer die Beinachse mit abfragt.

Natürlich wird auch 2013 ein Läufer mal auf einen nicht so gut ausgebildeten Verkäufer treffen können. Das passiert Ihnen auch, wenn Sie in den Baumarkt gehen, aber es ist mittlerweile ein breiter Konsens da, was eine gute Beratung beinhalten muss. Und das ist die Basis für eine immer weitere Verbesserung der Beratungsqualität, wie wir sie derzeit erleben.

Natural Running Schuhkonzepte, Sprengung und Co.

Laufschuhkauf.de: Was macht einen „guten“ Natural Running Schuh aus? Welches sind die entscheidenden Merkmale?

Dr. Matthias Marquardt: Mehr Flexibilität durch Flexkerben im Vorfuß und Torsionsfreudigkeit. Flachere Fersensprengung, weniger Dämpfung, flexibles Obermaterial. Aber, und das ist ganz wichtig, hängt es von den Voraussetzungen des Läufers ab, wie stark diese Punkte betont werden sollen. Nicht jeder kann mit einem fivefingers Stadtmarathon laufen. Und es will auch nicht jeder.

Laufschuhkauf.de: Gibt es deiner Meinung nach ein Maß an Sprengung das da sein sollte?

Dr. Matthias Marquardt: Ich habe das Thema Sprengung wirklich in allen Facetten erlebt und durchlebt. So habe ich mich oft über zu hohe Sprengungen echauffiert und mir, zu Zeiten, als es keine flachen Schuhe gab, Spezialanfertigungen bauen lassen, um komplett ohne Sprengung zu laufen. Es gab dann Zeiten, in denen mir komplett flache Schuhe sehr gut taten (bei hohem Tempo mit Vorfußlauftechnik litt ich unter einer Hohlkreuzbildung, dabei entlastet ein flacher Absatz) und Zeiten, in denen ich freiwillig wieder in Schuhe mit Sprengung gestiegen bin (als nämlich meine Achillessehne einmal entzündet war).

Die Biomechanik sagt ganz klar: Je mehr Sprengung, desto weniger Drehmomente am Sprunggelenk und desto mehr am Knie. Deshalb empfehle ich meinen Patienten in Abhängigkeit von Ihren Beschwerden mal hohe Sprengungen (>10 mm bei akutem Fersensporn und Achillessehnenbeschwerden), mal mittlere Sprengungen (6-10 mm für gesunde Freizeitsportler) und eben auch mal flache Schuhe (< 6mm, bei Knieproblemen und Vorfußläufern ohne Beschwerden).

Ich persönlich bin, wie übrigens viele alte Hasen, die schon vor 15 Jahren natural running gemacht haben, inzwischen meist mit moderaten Sprengungen unterwegs. 6 mm sind mir – alles in allem – am angenehmsten.

Laufschuhkauf.de: Welches ist das deiner Meinung nach „beste“ Konzept im Bereich der Natural Running Schuhe / Fußtrainer, das momentan am Markt angeboten wird?

Dr. Matthias Marquardt: Ich bin froh, dass wir mittlerweile zwischen einer solchen Vielzahl von Produkten im Natural-Segment auswählen können. Das führt nämlich dazu, dass wir für jeden Läufer das richtige Produkt finden. Ich gehe das ganze mal alphabetisch an, und versuche es mal mit ein paar klaren Statements zu dem was mir gefällt, und was mir nicht gefällt:

Adidas Climacool Chill/Ride, Adipure
Ich fand die Clima Cool-Serie ziemlich gut, auch wenn ihr immer anhaftete, zu sehr für den Freizeitbereich gemacht worden zu sein. Die Sprengungen sind moderat, die Sohlen beweglich, aber nicht zu weich. Die aktuellen adipure-Schuhe sind für den core-Runner eine gute Konstruktion. Für den Freizeitsportler sind diese Schuhe, vor allem die Zehenschuh-Version, sicherlich zu aggressiv.

Asics 33
Asics kam spät an im natural-Segment, dafür aber wohlüberlegt. Asics hat bei den Natural-Schuhen als Marktführer zuerst den Freizeitläufer im Auge behalten müssen. Deshalb waren die ersten Modelle der 33-Serie sehr moderat. So moderat, dass jeder Läufer ihn auf Asphalt tragen kann. Der core-runner wird nun mit dem flacheren Gel-Lyte 33 bedient. Die Philosophie auch hier: Aktivieren der Muskeln, ohne Risiken für den Läufer. Deshalb ist bei aller Flexibilität die Sprengung bei 6 mm geblieben. So bleibt die wichtige Anpassung an die Bedürfnisse der Mehrheit der Läufer erhalten.

Brooks Pure Project
Brooks hat einen bemerkenswerten Weg eingeschlagen. Alle natural-Schuhe haben 4 mm Sprengung, sind aber unterschiedlich voluminös gedämpft. Ich nutze die Schuhe oft, wenn ich für einen Patienten einen sehr flachen Schuh brauche, der dennoch nicht zu leicht sein soll. Z.B. bei Kniebeschwerden. Einschränkend muss man sagen, dass für einen Einsteiger 4 mm Sprengung ganz schön flach sein können.

New Balance Minimus
Der Minimus ist ein recht extremer Schuh für ambitionierte Core-Runner. Er ist sehr minimalistisch, aber auch hier wird interessanterweise eine Restsprengung von 4 mm beibehalten. Ich sehe den Minimus als gezielten Fußtrainingsschuh für Könner.

Nike Free
Der Wegbereiter des Natural Running Segments hat mittlerweile einige Modifikationen erfahren, aber das Grundprinzip, mit tiefen Flexkerben eine große Flexibilität zu schaffen ist weiterhin allen Modellen gemein, während die Sprengung je nach Modell 3.0, 4.0 oder 5.0 zwischen 8 und 4 mm variiert. Die Produktpalette ist also relativ breit, allerdings ist das Obermaterial, wie ich von vielen Patienten höre, dem Core-Runner meist zu weich. Der Free bleibt so ein gezielter Fußtrainer, oder eben gern genutzter Freizeitschuh.

Puma Faas
Der Faas ist ein angenehm flacher, schneller Schuh. Ich fand ihn aber technologisch etwas unterentwickelt. Passform, und Technologieeinsatz zur Optimierung haben mich nicht überzeugt. Wenn Natural Running auf der Straße funktionieren soll, ohne dass die Läufer Probleme bekommen, ist meines Erachtens mehr Einsatz erforderlich.

Saucony Zweitschuh
Saucony hat sich mit der Ausrichtung des gesamten Produktportfolios an den Sprengungen 0, 4, 8 und 12 mm weit aus dem Fenster gelehnt und war dem Markt damit ein wichtiger Wegweiser. Zwar finde ich Schuhe wie den Hattori mittlerweile zu aggressiv, aber gerade mit mittleren Modellen wie dem Kinvara hat Saucony beim ambitionierten Läufer überzeugt.

Laufschuhkauf.de: Wie schätzt du die Radikalkonzepte von Herstellern wie Vivo Barefoot, Merell, five fingers und Co. ein?

Dr. Matthias Marquardt: Ich liebe sie alle. Zum Wandern, zum Spazierengehen, in der Stadt. Oder in der Klinik, wo ich aufgrund meines Wirbelgleitens einen extrem flachen Schuh brauche. Zum Laufen ziehe ich solche Schuhe nur für gezielte Kräftigungseinheiten an: Also Läufe bis 30 Minuten auf Naturbelag oder zum Lauf-Abc auf Rasen. Ich sehe diese Schuhe mittlerweile nicht mehr als sinnvolle Dauerlösung für den täglichen Trainingsprozess des Langstreckenläufers an, sondern als wertvolle Ergänzung.

Laufschuhkauf.de: Wie offen ist Asics aber auch andere Laufschuhhersteller für kritischen Input?

Dr. Matthias Marquardt: Asics ist dort sehr offen, benennt als Marktführer aber auch klare Machbarkeitsgrenzen. Es ist für den Massenmarkt eben nicht sinnvoll, aggressive Produkte zu verkaufen, die dem Läufer schaden können. Ich musste in den vergangenen 10 Jahren lernen, dass mein soziales Umfeld, das vornehmlich aus Läufern besteht, eben nicht den durchschnittlichen Laufschuhkunden repräsentiert. Und aggressive Core-Runner-Produkte können dem Gelegenheitsläufer wirklich den Spaß am Laufen verderben. Wenn ich Dr. Matthias Marquardt bei Asics (c) Dr. Matthias MarquardtFreizeitsportler „wie ein Reh“ in five fingers über Schotter hoppeln sehe, dann tun mir diese Läufer wirklich leid, weil sie schlecht beraten wurden.

Insofern hat sich mein kritischer Einfluss, mit dem ich früher extrem flache Schuhe gefordert habe, durchaus geändert und ich saß zuletzt des Öfteren mit Entwicklungsteams an einem Tisch, wo wir einhellig feststellten, dass weniger als 4-6mm Sprengung für den Massenmarkt keinen Sinn machen. Die Gründe musste ich erst lernen: Nicht jeder kann und nicht jeder möchte sich so intensiv mit dem Laufsport auseinandersetzen, dass er sich über längere Zeit mit speziellen Trainingsprogrammen und sukzessiver Reduktion seiner Sprengung im Schuh befasst. Und für diese Menschen ist ein „five fingers“ auf Asphalt (wo die meisten laufen), eben nicht die Lösung.

Mit Natural Running Schuhen laufen

Laufschuhkauf.de: Wie können Läufer vom Einsatz von Natural Running Schuhen profitieren?

Dr. Matthias Marquardt: Jeder Läufer profitiert durch einen regelmäßigen Gebrauch von Natural-Schuhen, indem er seine Fußmuskeln kräftigt. Auch nach vielen Jahren Laufmedizin sage ich noch immer: Dies ist der wichtigste Verletzungsschutz überhaupt. Ganz besonders profitieren Läufer mit Knieproblemen (so genannter „vorderer Knieschmerz“) sehr von flachen, flexiblen Schuhen. Außerdem spricht manches mediale Schienbeinkantensyndrom sehr gut auf weniger, statt auf mehr Führung im Schuh an. Vor- und Mittelfußläufer sowie Supinierer sind übrigens grundsätzlich auch sehr glücklich im Natural Running Segment.

Laufschuhkauf.de: Gibt es Personengruppen die besser nicht mit Natural Running Schuhen laufen sollten?

Dr. Matthias Marquardt: Die relativen Kontraindikationen lauten: Übergewicht, schwere Überpronation, Spreizfüße, eingesteifte Großzehen (Hallux rigidus). Hier sollten aggressive Natural-Schuhe nur mit großer Vorsicht eingesetzt werden. Also zunächst nicht mehr als 10 Minuten. Nur bei Beschwerdefreiheit sollte man vorsichtig weiter steigern.

Absolute Kontraindikationen für die Neueinführung von Natural Running Schuhen sind: akute Plantarfasciitis („Fersensporn“) und die akute Achillessehnenentzündung.

Laufschuhkauf.de: Wie sollte der Umstieg auf Natural Running Schuhe gestaltet werden?

Lauftraining mit Dr. Matthias Marquardt (c) Dr. Matthias MarquardtDr. Matthias Marquardt: Langsam. Langsam. Langsam. Wer gesund ist und einen moderaten Schuh nimmt, der kann einmal pro Woche neben seinem üblichen Training einmal 15 Minuten in dem Natural-Schuh laufen. Er kann dann alle 2 Wochen 5 Minuten drauflegen, bis er bei 45 Minuten angekommen ist. Das reicht.

Wer dann auf aggressive Natural-Schuhe wechseln möchte, startet danach wieder mit 15 Minuten im neuen Schuh, läuft aber nicht mehr auf Asphalt, sondern auf Naturbelag! Auch dann sollten alle 2 Wochen 5 Minuten mehr gelaufen werden. Ich würde dann bei 30 Minuten Schluss machen. Das reicht für ein exzellentes Training. Bei mehr steigt nur das Risiko sich zu verletzen. Wer sich ernsthaft und sinnvoll mit dem Barfußlaufen befassen möchte, der kann übrigens unsere Foot Performance-Trainingspläne nutzen.

Laufschuhkauf.de: Zu guter Letzt: Welcher Laufschuh ist dein aktueller Lieblingsschuh und warum?

Dr. Matthias Marquardt: Ich renne seit etwa 2 Jahren am liebsten im Asics Hyperspeed. Der Schuh ist ein flacher Lighttrainer und stellt für mich den optimalen Kompromiss da: Fest genug, für einen flotten, aktiven Lauf, aber genug Schutz für Schotter und Asphalt. Schön flach, so dass er auch den aktiven Lauf nicht stört, aber eben nicht zu aggressiv, so dass Fußsohle und Wade nicht überlasten.

Laufschuhkauf.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Matthias Marquardt: Ich danke


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4 Kommentare

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    • F. Schmit on 5. Dezember 2012 at 10:39

    Hallo Wiesel und Matthias,

    Ich habe die Lauf Bibel gelesen und versucht zu tun was beschrieben wurde bezüglich Schuhwahl, Laufstil und Kraftübungen.

    Ich fand auch alles ziemlich schlüssig aber nach weit über einem Jahr mußte ich die ganze Sache stark überdenke und meine
    eigenen Schlüsse ziehen (Barfußgehen nur 300 bis 1000Meter, Laufen 3-10km)

    Ich habe Knick Spreiz Senkfüße ~71Kg bei 174 Größe, Laufe recht langsam.
    (Spreizfuß Links etwas stärker Durchgetreten und Recht Knickfuß stärker)

    Habe mir durch diese Schuhwahl starke Knieprobleme auf der rechten stärkeren Knickfußseite zugezogen. Nach über einem Jahr testen mit barfußgehen oder laufen und auch auf Ihrem Koordinationstrainer und mit Leightweight Schuhen habe ich mich wieder back tot he roots begeben.

    Alter Weg: Stabilschuhe mit meiner vorherigen Lauftechnik (Eher Fersenorientiert wobei ich mich nicht als richtigen Fersenläufer bezeichnen würde da ich nicht wie man oft sieht meine Beine weit nach vorne reiße und dann die Ferse in den Boden ramme). Ich laufe eher sehr sanft oder ich würde sagen ich schleiche eher.

    Langsam wird es wieder besser auch mit dem Knie. Ich denke dass dieser neue Hype nicht für jeden gut ist und ich habe definitiv sehr behutsam agiert.

    Meine Knick Senk Spreizfüße sind zumindest laut einem Bewegungsanalytiker auch nicht Mega Mäßig es soll wohl schimmere Beispiele geben aber trotzdem hat er mir Einlagen empfohlen dich ich jetzt auch versuche zu nutzten.
    Meine Längsgewölbe sind auch leider recht weit abgesuncken man bekommt zumindest kaum noch einen Finger im stehen bei Belastung drunter.

    Auch selbst bei der Einlage+Schuhart kann ich der allgemeinen Empfehlung nicht folgen einen Neutral Schuh zu nehmen. Habe einige Modelvarianten durch (Neural, Leightweight) aber ich kann es wenden wie ich will bei den Stabileren Modellen + Einlagen geht es deutlich besser. (siehe dazu auch neuster Spiridon Test zu Stabilschuhen, Orthopädische Einlagen Eignung)

    Na ja irgendwie scheinen meine Füße lieber was Stabilität zu mögen liegt vielleicht auch an meiner leichten Hypermobilität wie ich es bezeichnen würde.

    Aber mein Weg ist bestimmt noch nicht zu Ende vielleicht erfahre ich ja noch mehr über meinen Körper und warum er dieser naturell Running Methode nicht folgen möchte. Möchte aber wenn wieder mehr Ruhe eingetreten ist wieder mal mit dem Koordinationstrainer neu versuchen das hat nämlich fand ich Spaß gemacht.

    Schönen Gruß,
    sf

  1. Hi Ulli, hi Matthias.
    Mir gefällt es erstmal, dass hier differenzierter über „Natural Running“ berichtet wird. Je mehr ich als ambitionierter Läufer aber versuche Zusammenhänge zu verstehen, desto mehr stoße ich an Grenzen. Beispiel Achillodynie: ich litt selbst 2009 darunter und glaube durch flachere Schuhe das Problem seither im Griff zu haben. Jetzt lese ich hier Gegenteiliges (ich dachte bisher: hohe Sprengung = stärker Einknicken = hohe Achillesbelastung). Ich würde mich also freuen, viel differenzierter auf Laufschuhkauf zu einzelnen Läuferproblemen zu erfahren, gerne auch widersprüchliche Zusammenhänge (z.B. dass vielleicht flache Schuhe langfristig oder ab irgendeinem Punkt im Heilungsprozess Achillodynie vermeiden helfen). Selbst die Ärzteschaft behandelt extrem unterschiedlich (Gelkissen, Cortisonspritzen, Einlagenversorgung, Fußhebelwipp-Übungen …). Ich würde mich freuen von Matthias Marquardt Differenziertes über Studienergebnissen zu hören, welche Ergebnisse/Meinungen gibt es hierzu? Was hilft zu welchem Zeitpunkt aus der Sicht eines „Natural Runners“?
    Ich hoffe, dass Matthias durch den Beratervertrag nicht die offenen Worte verloren gehen – kritische & kontroverse Diskussionen tun gut. Ich finde bspw. die weichen Nikes als Zumutung für ambitionierte Läufer, erfuhr dann aber über eine Studie von dem Nike Cesium (der Ausreißer im Nike-Sortiment) und wurde damit glücklich. Weiß er auch kritisches über die m.E. meist zu steifen Asics zu berichten? Werden die kleineren Firmen mit besserer Natural-Running-Historie wie Innov8 oder K-Swiss hier gar nicht mehr diskutiert?

      • Wiesel on 6. Dezember 2012 at 21:53
        Author

      Hallo Jan,

      vielen herzlichen Dank für dein Feedback.

      Im Interview haben wir keinen Anspruch auf Diskussion aller am Markt erhältlichen Natural Running Schuhe erhoben. Bei der inzwischen immer unübersichtlicher werdenden Zahl an Herstellern die sich plötzlich wie aus dem Nichts mit Laufschuhbau oder sollte ich besser sagen Laufschuhverkauf befassen wäre das auch gar nicht möglich. So haben wir auch kein Wort z. B. über Nimbletoes oder die medial schon stärker präsenten Sketschers Go Run verloren. Die Auswahl sollte auch keine Wertung der Marken sein. Die im Interview ausführlicher besprochenen Marken sind die die am Markt am meisten präsent sind und den größten Teil des Marktes nicht nur in diesem Segment abdecken.

      Trotzallem haben wir Marken wie K-Swiss und INOV8 durchaus auf dem Schirm. Das siehst du z. B. daran, dass im die Tage erscheinenden ersten Teil des Laufschuhtests Fußtrainer / Natural Running Schuhe FS 2013 das Modell Bare-X-Lite 150 von INOV8 zu finden sein wird. Gerne diskutieren wir über alle möglichen Marken und Modelle. Nur war im Interview dafür nicht der Platz und die Zeit das alles unterzubringen.

      Mit laufenden Grüßen Wiesel

      • Dr. Marquardt on 8. Dezember 2012 at 15:31

      Hallo Jan,

      leider gibt es keine ganz klaren Studienergebnisse zum Thema Sprengung und Verletzungen, die in Deinem speziellen Fall weiterhelfen würden. Biomechanisch (und durch Studien belegt) ist es so, dass ein sehr flacher Absatz die Drehmomente im Sprunggelenkskomplex erhöht. Die Achillessehnenbelastung nimmt also zu. Somit würde man Läufer mit akuten Problemen eher nicht in flache Schuhe stellen. Bei chronischen Problemen, die an einer Überpronation liegen, kann eine Aktivierung der Technik mit einem wohlüberlegten Trainingsprogramm durchaus Sinn machen. Ziel ist es dann, über eine bessere Bewegungkontrolle dem chron. Achillessehnereiz zu begegnen. Man muss dies im Einzelfall entscheiden.

      Wichtiger als der Schuh bleibt für den Läufer mit Achillessehnenschmerzen aber das exzentrische Wadenkrafttraining! Also, ab an die Treppe mit Dir.

      Viele Grüße sendet

      Dr. Matthias Marquardt

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